08.09.06 – Die doppelte Moral des Herrn Schäuble

Eines unserer Enkel trainiert im Chemnitzer Eislaufclub. Dort sehen wir manchmal Herrn Steuer, und er macht mir gar nicht den Eindruck eines Verbrechers. Sicher, sein Blick ist ernst und sorgenschwer, kein Lächeln zeigt sich im Gesicht, ganz anders also als bei unseren korrupten Managern und in die eigenen Taschen wirtschaftenden Politiker oder anderen Kriminellen, doch das ist nicht verwunderlich. Schließlich hat man ihm allein die Verantwortung dafür aufgebürdet, ob der deutsche Eislaufsport eine Zukunft besitzt oder zum bloßen Freizeitvergnügen verkommt. Und das nur, weil Steuer in einem System aufgewachsen ist, welches andere Wertvorstellungen vermittelt hat, die nicht von jedem Bürger – vor allem der in diesem System aufgewachsenen Jugend – durchschaut werden konnten. Ein System, bei dem der Sport Staatsangelegenheit war und der Staat seine Macht auch über den einzelnen Sportler und Funktionär ausgeübt hat – dafür hat der Staat den Sport großzügig unterstützt. Heute ist die Unterstützung nicht mehr so groß, aber das Bundesministerium des Innern tritt nach wie vor als Geldgeber auf, etwa beim Eislauf. Und als Geldgeber – siehe oben – hat man doch schließlich das Recht, zu bestimmen! Also entweder Steuer raus oder Geld weg! So einfach ist das für Herrn Schäuble, für den das billig ist, was er bei anderen für unrecht hält. Und der noch vor kurzem erklärt hat, dass das Auswerten von Informationen, die unter Folter und damit entgegen unseren Wertvorstellungen erlangt wurden, legitim sei. Sicher hat er auch kein Problem damit, Stasi-Informationen für seine Zwecke zu nutzen. Nun hätte ich gedacht, dass, wenn man die Ergebnisse von Folterung und Bespitzelung für legitim hält, man auch die Folterer und Spitzel akzeptiert. Doch Herr Schäuble bringt den Spagat fertig, dem Dieb die Hände abzuhacken aber den gestohlenen Diamanten zu behalten. Diese Doppelmoral, Herr Schäuble, ist einfach nur zum Kotzen! Ein Freund hat diesen Herrn einen Arsch auf Rädern genannt. Möglicherweise ist das ja wahr, doch vielleicht würde ich unter Folter auch lügen. Ich hoffe, dass Ingo Steuer in diesem Fall als moralischer Sieger hervorgeht und die richtigen Konsequenzen zieht. Dieser Schäuble, der ob seiner Haltung seinen Hut nehmen sollte, wird das sicher nicht tun.
Und übrigens – all jenen, die immer noch glauben, Herr Steuer sei so was wie ein Ungeheuer, gebe ich den Rat, mal bei einem gewissen Nobelpreisträger Günter Grass nachzulesen, wie man in der Jugend einen Fehler machen kann und auch nach 15 Jahren nicht bereit ist das in die Welt zu posaunen. Aber schnell, vielleicht kommt ja der Bundesinnenminister auf die Idee, die Bücher eines SS-Mitgliedes zu verbieten. Doch das ist wohl eher unwahrscheinlich, denn mit einer SS-Vergangenheit kann diese Gesellschaft ja inzwischen recht gut umgehen.