16.06.06 – Sklaven der Moderne
Jetzt haben wir’s. Herr Müller, Mitglied der CSU und arbeitsmarktpolitischer
Obmann der Unionsfraktion, hat endlich die Lösung des Arbeitslosenproblems
gefunden. Ausnahmslos alle arbeitsfähigen Langzeitarbeitslosen gehen von
Montags bis Freitags, acht Stunden am Tag, gemeinnützig arbeiten. So einfach
ist das. Denn eines ist ja nun klar: Hartz-IV-Empfänger sind alle nur zu faul
zum arbeiten! Ach lieber Herr Müller, wenn es doch so einfach wäre. Wenn es
doch ganz einfach für jeden diese Arbeit gäbe, die er nur machen müsste. Nun,
da kommt mir so eine Ahnung auf, wie Herr Müller das wohl meint. Ich hab’ da
einen Bekannten, der war bei einem kommunalen Unternehmen beschäftigt. Er fegte
die Straße. Muss ja auch sein. Doch dann kam der Stadtkämmerer und sprach: Wir
müssen sparen. Wir kehren nur noch halb so oft. Da konnte mein Bekannter
entlassen werden und die Kommune kräftig sparen. Er hat nun bloß noch im Winter
Arbeit, zum Schneeräumen. Und weil ihm jüngst nach seiner abermaligen
Entlassung 2 Tage Beschäftigungsdauer fehlten, um als normaler Arbeitsloser zu
gelten, musste er einen Hartz-IV-Antrag stellen. Plötzlich war er ein
Schmarotzer. So schnell kann’s gehen. Und nun kommt’s: Da es nun in unserer
Stadt um die Sauberkeit nicht mehr so gut bestellt ist, könnte doch mein
Bekannter nun sich jeden Morgen zum Straße fegen melden. Es wäre wieder sauber,
die Faulenzer müssten sich Ihre Almosen verdienen, und die öffentliche Hand
könnte genug sparen, um die 28 Millionen zu erwirtschaften, die den
Bundestagsfraktionen und Abgeordneten zusätzlich zur Verfügung gestellt werden
sollen. Leider ist diese Idee nicht neu, Herr Müller. Schon immer haben die
Herrschenden, wenn sie knapp bei Kasse waren oder ihr Geld für wichtigere Dinge
verschwenden mussten, sich einfach ein Heer Dienstverpflichteter gehalten. Das
gab es nicht bloß bei Hitler, sondern schon im alten Rom und bei den Pharaonen.
Damals nannte man diese Leute Sklaven. Der Vergleich mag weit hergeholt sein,
aber eines scheint sich nicht geändert zu haben: wer einmal die Weihen der
höheren Politik genossen hat, wie etwa Herr Müller, muss nicht mehr befürchten,
dass er in den Strudel der Armut
hineingezogen wird, und mag er noch so viel Schwachsinn von sich geben. Wer
aber einmal da rein geraten ist, hat kaum noch Chancen, diesem Schicksal zu
entrinnen.