01.03. 06 – Kein Aschermittwoch  nach 100 Tagen
Entgegen allen Unkenrufen vor 100 Tagen, als Frau Merkel ihr neues Amt antrat, steht sie besser da als je ein Kanzler zuvor. Das verwundert schon ein wenig, denn sie hat doch einiges an unpopulären Maßnahmen angekündigt. Aber irgendwie hat sie es clever gemacht, zunächst mal Lorbeeren auf den roten Teppichen der Diplomatie zu ernten. Erst nach Paris mit Handkuss von Chirac, gleich weiter nach Brüssel gedüst und zu Mr. Blair nach London, EU-Gipfel in Barcelona und wieder in Brüssel, Finanzstreit beigelegt, überraschend souveräner Auftritt in Washington, Treffen mit Putin  und der Opposition, in Tel Aviv das Recht Israels, aber auch der Palästinenser deutlich gemacht und nebenbei den dubiosen Fall Osthoff vorangebracht, was man im Fall der Geiseln aus Leipzig nun nicht sagen kann.  Und da kommen wir zur anderen Seite der Medaille. Eine Reformpolitik der kleinen Schritte hat sie angekündigt. Eigenheimzulage weg, Rentenalter rauf, Mehrwertsteuererhöhung beschlossen. Chiracs Atomschlagspläne gelobt, Iran mit den Nazis verglichen. Versuche, Flugzeugabschüsse und den Inlandseinsatz der Armee zu legitimieren, auch am Atomkraftkonsens wird schon mächtig gerüttelt. Aber das nimmt der Durchschnittsbürger kaum wahr. Der sieht wohl nur das Honigkuchengesicht, wie es weltweit vor den Fotografen posiert, während die SPD mit den brisanten Ressorts Finanzen, Arbeit, Gesundheit die Drecksarbeit machen muss. Merkel selbst will erst noch die anstehenden Landtagswahlen abwarten und die Woge der Bewunderung ausnützen, bevor sie selbst aktiv wird. Fazit: Das Wohlwollen der Massen für die Kanzlerin beruht wohl vor allem darauf, dass die SPD weiter an Boden verliert, weil sie ständig zwischen Hofierung und Kritik des Partners hin- und herbaumelt, während die Kanzlerin eine clevere Strategie des erfolgreichen Stillstandes verfolgt.