30.12.05 – Altes Jahr, Neues Jahr
Und wieder ist ein Jahr vorüber. Viel zu schnell, finde ich,
aber das nur nebenbei. Üblicherweise ergehen sich die Medien aus diesem Anlass
nun in Rückblicken, vermutlich für die 90% der Deutschen, die wohl unter Demenz
leiden und sich nicht mehr so genau erinnern können. Besonders beliebt sind
dabei – neben den Comedy-Rückblicken - natürlich die Katastrophen, etwa
Tsunamis, von denen zahlreiche deutsche Urlauber in der Ferne betroffen waren.
Erdbeben spielten da eher nur eine Nebenrolle, denn die 30.000 Opfer waren doch
nur arme Schlucker, Kaschmirkinder vor allem. Richtig spannend wurde es erst
wieder, als das früher ganz normal als Wintereinbruch oder gar Weiße Weihnacht
bezeichnete Ereignis eintrat, welches auch 2005 wieder als Schneechaos
tituliert wurde. Und wie jedes Jahr standen wir im Stau, diesmal vielleicht mit
unserem neuen großen Geländewagen, und schimpften auf die Ökosteuer und
natürlich die LKWs aus Bulgarien. Und wie jedes Jahr ergatterten wir unsere
Aldi-Schnäppchen, Geiz-ist-geil Elektronik made in Turkey (steht natürlich
nicht drauf) und gespritzte Weintrauben vom Balkan, alles was so ein
bulgarischer Spediteur unter deutscher Flagge eben so geladen hat.
Irgendwann haben wir auch gemerkt, dass Frau Merkel nicht die Frau des
Kanzlers, sondern wirklich Kanzlerin ist. Aber wir schimpften natürlich genau
so auf die neue von uns gewählte Regierung wie wir auf die alte von uns
gewählte Regierung geschimpft hatten, denn an all unserem Elend ist – außer der
Wiedervereinigung – traditionell nur einer Schuld: die Politik. Die immer
schneller reich werdenden Wirtschaftsbosse, die sich Millionen zu- und die
Arbeit ins Ausland abschoben und all die anderen Betrüger und Veruntreuer
genossen hingegen unsere heimliche Verehrung, denn sie sorgten für die endlich
wiederkehrende Wertsteigerung unseres Aktiendepots, und außerdem – wenn die den
Staat betrügen, sollten wir das doch erst recht! Dass es unser Staat ist und
nicht der der Politiker hat uns auch 2005 niemand klarmachen können. Aber
natürlich haben wir zu einer der zahlreichen wohltätigen Weihnachtsgalas unsere
Brieftasche weit geöffnet, denn wir wollen ja mit einem guten Gewissen ins neue
Jahr starten.
In diesem Sinne, mit eher gedämpften Hoffnungen auf ein besseres, von uns allen
gemeinsam nach vorn gebrachtes 2006, wünschen wir dennoch allen Deutschen, auch
denen, die morgen wieder Milliarden Euro in Rauch aufgehen lassen, ein besseres
Neues Jahr.